Alfonsina Storni neu

«Ich wusste gar nicht, dass Alfonsina Storni Prosa schrieb,» schrieb eine Leserin, die in Uruguay aufgewachsen ist, als Schülerin Alfonsinas Gedichte kennengelernt hat und heute in der Schweiz lebt. Wie die meisten Lateinamerikanerinnen und Storni-Freundinnen in der deutschsprachigen Welt kannte sie nur Alfonsinas Gedichte. Die Vielfalt und Breite des Gesamtwerks blieb unbekannt. Dies kann sich nun ändern.

In der Edition Maulhelden sind vier Bände der Werkausgabe erschienen: CHICAS enthält journalistische Texte, CUCA Erzählungen und Literaturkritik, CARDO erstmals autobiografische Texte, Briefe, Interviews, Nachrufe und Erinnerungen und CIMBELLINA ausgewählte Theaterstücke für Kinder und Erwachsene.

Auf ALFONSINASTORNI.CH finden sich auch Impressionen von Leserinnen und Lesern zu früher veröffentlichten Büchern Meine Seele hat kein Geschlecht (vergriffen) und Cronache da Buenos Aires (Edizione Casagrande, Oktober 2017).

Die Herausgeberin und Übersetzerin

«Anfangs der 1990er Jahre machte ich Bekanntschaft mit Alfonsina Stornis Lyrik. Ich ahnte damals nicht, dass es sehr viel mehr Storni gab, weil ich nie Hinweise darauf fand. Erst später wurde mir klar, dass es weitere, ganz andere Werkteile gab, die so unbekannt geblieben waren wie der sprichwörtliche Eisberg, von dem nur die Spitze aus dem Wasser ragt.

Ich forschte in Argentinien, im Tessin, aber auch in Berlin und entdeckte Alfonsina Stornis journalistischen Texte, ihre Erzählungen und Theaterstücke. 2010 entstand das Radio-Feature («Auf alles gefasst sein», SRF, 2010, mit Bernard Senn), sowie eine erste Performance («Alfonsina vuelve», mit der Tango-Geigerin Caroline Fahrni). In Bloomington machte ich Kurzfilme («Alfonsinas Blue Moments», 2013, mit Carter Ross, Mona Petri und Emily Mange).

Alfonsina Storni begleitete mich in all den Jahren als Jurorin beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt (2009-2019), als Mitglied im Literaturclub des Schweizer Fernsehens (2012-2019). Aber seit meiner Rückkehr aus den USA konnte ich mich verstärkt dem eigenen literarischen Schreiben und der Tätigkeit als Verlegerin der Edition Maulhelden auch erneut Alfonsina Storni zuwenden. Eine Frucht davon ist der kurze Gastauftritt von Alfonsina Storni in meinem Roman WAS WIR SCHEINEN (Eichborn 2021; das Taschenbuch erscheint am 26. August 2022). In Kapitel 19 liest die Hauptfigur Hannah Arendt einen Gedichtband aus der Bibliothek des Tessiner Hotels, in dem sie ihren letzten Sommerurlaub verbringt, und lernt so Alfonsina Storni kennen.

Nach all den Jahren kann ich sagen: Mit Alfonsina Storni ist für Bewegung gesorgt. Ich glaube, ich war noch nie mit einem Menschen unterwegs, die mich beim Schreiben und Forschen so verändert hat.»

Hildegard E. Keller

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